Ein Plädoyer für Erfahrungsräume, Selbstregulation und die Fähigkeiten, die das Leben tatsächlich tragen.
Wollen wir uns eigentlich langsam selbst abschaffen?
Diese Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Sie betrifft eine Entwicklung, die sich seit Jahrzehnten vollzieht und durch neue Technologien an Tempo gewinnt: Wir lagern zunehmend das aus, was uns als Mensch ausmacht – Erfahrung, Urteilskraft, Intuition, das eigene Denken und Fühlen.
Aus psychosomatischer Perspektive ist das mehr als ein gesellschaftliches Phänomen. Es ist eine Frage der Gesundheit. Denn jene Fähigkeiten, die uns tragen, wenn das Leben anspruchsvoll wird, entstehen nicht im Schutzraum – sie entstehen durch gelebte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.
Unsere Kinder sind Rohdiamanten. Brillant werden sie erst durch den Schliff.
Was für Edelsteine gilt, gilt in übertragenem Sinn auch für die Entwicklung psychischer und körperlicher Belastbarkeit beim Menschen. Das Vermögen, mit Schwierigkeiten umzugehen, baut sich nicht in der Komfortzone auf.
Aus einer Wohlstandsgesellschaft heraus, in der vieles einfacher und sicherer geworden ist, fällt es uns schwer, dieses Prinzip noch zuzulassen. Doch genau hier liegt eine zentrale Aufgabe – für die nächste Generation und für uns selbst.
Vielleicht weil viele von uns selbst in einer komfortablen Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen sind, geben wir Botschaften weiter wie: „Spiel nicht im Dreck. Pass auf. Geh nicht raus, es ist zu kalt. Iss das nicht. Alles zu unberechenbar, viel zu gefährlich."
Damit aber nehmen wir Kindern – und uns selbst – wirkliche Erfahrungsräume. Keine echten Konflikte, kein Aushalten, kein Durchsetzen, kein Probieren, kein Scheitern, kein Gewinnen. Kein Anfassen, Fühlen, Einschätzen. Kein Lernen, Lernen und nochmals Lernen.
Nicht aus Algorithmen oder Filmchen, Dateien und Büchern – sondern aus eigener Erfahrung.
Aus eigener Erfahrung – aus dem Tun, dem Hinfallen und dem Wiederaufstehen – entstehen jene Fähigkeiten, die das echte Leben tatsächlich tragen:
Die Fähigkeit, ein Vorhaben über Hindernisse hinweg zu verfolgen.
Mitgefühl, das aus eigenem Erleben gewachsen ist – nicht aus Theorie.
Spannungen aushalten, austragen und produktiv wenden können.
Belastung als Teil des Lebens annehmen, ohne darunter zu zerbrechen.
Schwere Phasen tragen – mit innerer Klarheit und Würde.
Den anderen sehen, anerkennen und in seiner Eigenart achten können.
Unser Wissen haben wir längst an Suchmaschinen ausgelagert. Das war ein erster Schritt – pragmatisch, oft hilfreich. Doch nun stehen wir an einem Punkt, an dem mehr auf dem Spiel steht.
Gemeint ist die künstliche Intelligenz. Wissen an Suchmaschinen, Orientierung an Algorithmen – was zunächst praktisch wirkt, wird problematisch, wenn es uns die Mühe abnimmt, eigene Erfahrung zu machen.
Klingt dramatisch, vielleicht. Doch wir sind nicht hilflos. Technologie ist ein Werkzeug – und ein ziemlich gutes, wenn wir es als Werkzeug beherrschen und benutzen.
Eigenes Denken, eigenes Urteil, eigene Intuition: Das sind Fähigkeiten, die nur wachsen, wenn wir unsere einzigartige Denk- und Fühlfähigkeit nutzen und trainieren. Wir entscheiden, ob wir Werkzeuge benutzen oder ob die Werkzeuge uns benutzen.
Wir müssen nicht zurück in alte Zeiten. Aber wir sollten Erfahrungsräume für uns und unsere Kinder lassen – und schaffen. Nicht alles überreglementieren, verbieten, regelbasieren, einnormieren oder auslagern.
Wir sollten eigene Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung zulassen – und nicht vermeiden.
Körper, Seele und Geist wieder zur Selbstregulation zu bringen – daraus entsteht Resilienz, Stresstoleranz und damit ein Fundament der Gesundheit.